| Reizthema Rechtschreibung |
|
Dauerthema Rechtschreibreform - ein Anreiz nachzudenken... Fortsetzung 1 Hier geht
es um die Diskussion der Kritikpunkte. Noch einmal die Übersicht:
zu 1.
Allein diese Überschrift dürfte es im Zusammenhang mit Rechtschreibung nicht geben. Aber man soll sich nicht täuschen: 1a - Es tut
mir sehr weh. Unreformiert
schrieb man: Es tut mir sehr leid. Völlig unsystematisch wird hier
eine Substantivierung vorgenommen; die Grammatik lehrt, daß man
Hauptwörter nicht mit "sehr" erweitern kann. Was also ist
das nun? Und vor allem, wie erklärt man die unterschiedlichen Schreibweisen
den Schülern als Vereinfachungen? Zum Beispiel 1c: es gibt natürlich auch das Hauptwort "Wohl". Es tut mir wohl, im Unterschied zu: etwas zu meinem Wohl tun. Das Hauptwort "Wohl" kann aber nicht mit "sehr" erweitert werden. Es gibt halt auf Deutsch Wörter, die in Groß- und Kleinschreibung als unterschiedliche Wortarten mit unterschiedlichen Bedeutungen existieren. Einfach eine davon wegzustreichen oder sie durch die andere zu ersetzen, das ist eine recht absurde Idee. Fazit: von Vereinfachung merke ich hier nicht viel, nur eine Menge Inkompetenz. |
|||||||||||||
|
|||||||||||||
|
Das ist die
|
|||||||||||||
|
Dieser Punkt kommt mir besonders eigenartig vor; ich kann mich nämlich nicht erinnern, daß ich in diesem Zusammenhang früher jemals von Problemen gehört hätte. Also die Lösung eines Problems das es vorher nicht gab. Es ist schlicht und einfach eine Eigenschaft der deutschen Sprache, daß Kombinationswörter gebildet werden können und auch sollen. Der Grund für die Herausbildung unterschiedlicher Schreibversionen ist die Entwicklung unterschiedlicher Bedeutungen. Das heißt: Getrenntschreibung bedeutet etwas anderes als Zusammenschreibung. Vieles davon soll beiseite gewischt werden; die durch die Reform erfundene allgemeine Basisregel der GZS lautet: Auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!? Es gibt in diesem Block zumindest drei Unterkategorien. Kategorie
2a: |
||||||||||||||
|
schlechtmachen |
schlecht
machen |
|||||||||||||
Beispiele dieser und ähnlicher Art gibt es hunderte. Zugrunde liegen dem Reformwerk "absurde" Regeln, die auf Steigerungsmöglichkeit, Endung und Sonstigem beruhen, ohne Wörterbuch können die Wörter aber bestenfalls auswendig gelernt werden. Fazit: Ich verstehe unter Vereinfachung etwas anderes. Hauptvorwürfe: Willkür, wider das Sprachgefühl, Unlernbarkeit Situation 2006: Wie diese Liste im Detail im Jahre 2006 aussieht, konnte ich mit meinen Bordmitteln leider nicht feststellen. Die Wörter fehlen nämlich großteils in der Wörterliste der amtlichen Regelung. Die Schreibung theoretisch aufgrund der vielen Paragraphen selbst feststellen zu wollen, habe ich wegen der Komplexität der Formulierungen und der vielen Zusatzregeln, die fallweise zu beachten sind, schnell wieder aufgegeben. Dieser Teil wird nachgereicht, sobald ich entsprechende Quellen ausfindig mache. Als
grobe Auskunft kann aber gesagt werden, daß 2006 in sehr vielen
Fällen sowohl zusammen als auch getrennt erlaubt ist, zusätzlich
wurden aber auch Hunderte neue Zusammenschreibungen festgelegt, die es
früher in dieser Form nicht gab!? Kategorie
2b: abscheuerregend, abwärtsgehen, achtgeben, achthaben, achtunggebietend, allgemeinbildend, allgemeingültig, allgemeinverständlich, allzubald, allzufrüh, allzugern(e), allzugroß, allzugut, allzulang/allzulange, allzuleicht, allzuoft, allzuschnell, allzusehr, allzuselten, allzuviel, allzuweit, andersdenkend, andersfarbig, andersgeartet, andersgeschlechtlich, andersgesinnt, andersgläubig, anderslautend, aneinanderbauen, aneinanderbinden, aneinanderfesseln, aneinanderfügen, aneinandergeraten, aneinandergrenzen, aneinanderhalten, aneinanderhängen, aneinanderheften, aneinanderklammern, aneinanderkleben, aneinanderschrauben, aneinanderschweißen, aneinanderstoßen, aneinanderwachsen, anheimfallen, anheimstellen, anrauhen, ansein, aufeinanderbeißen, aufeinanderhetzen, aufeinanderlegen, aufeinanderliegen, aufeinanderprallen, aufeinanderpressen, aufeinanderschichten, aufeinandersetzen, aufeinandersitzen, aufeinanderstapeln, aufeinandertreffen, aufeinandertürmen, aufrauhen, aufsehenerregend, aufsein, ... In Summe sind das einige tausend Wörter. Dazu kommt, daß unterschiedliche Wörterbücher diesbezüglich zu unterschiedlichen Aussagen gelangen! Ja wirklich! Das wissen wenige! Angeblich gibt es in der 2001 Ausgabe zwischen Duden und Bertelsmann etwa 8000 Unterschiede, man kann sich also ausmalen wie lang die Liste insgesamt ist! Das
Aussehen dieser Liste in Version 2006 ist von mir nicht bestimmbar. Der eigentliche
Schaden ist aber das damit einhergehende Verschwinden
von Bedeutungen! Die 2006er Regeln hierzu verstehe ich so, daß man sowohl "anders denkend" als auch "andersdenkend" schreiben kann. Anders als früher aber, als die Getrenntschreibung die wörtliche Bedeutung und die Zusammenschreibung den übertragenen Sinn bedeutete, kann man jetzt beide Schreibungen für beide Bedeutungen anwenden. Sinnrichtigkeit scheint für die neuen Reformer wie auch für die alten keine Rolle zu spielen. Vielzitiert
ist auch "auseinandersetzen". Mit "auseinandersetzen" hab ich seinerzeit unbewußt einen Volltreffer gelandet. Zwischen 1996 und 2006 war "auseinander setzen" die einzig erlaubte Schreibweise für alle Sinnbedeutungen. Und nun, man glaubt es kaum, nun ist die Zusammenschreibung "auseinandersetzen" die einzig zugelassene Schreibung für alle Sinnbedeutungen, da soll sich noch jemand auskennen ... Zuletzt "alleinstehend". Hier handelt es sich 2006 um einen ähnlichen Fall wie bei "anders denkend". Beide Schreibungen "alleinstehend" und "allein stehend" scheinen erlaubt, unabhängig von der Sinnbedeutung. Ein
schönes Beispiel hab ich bei Beschäftigung mit dem neuen Österreichischen
Wörterbuch 2006 entdeckt: "übereinander reden".
Was
fällt auf?
und
das, obwohl dem Sinn nach in allen drei Fällen sowohl Getrennt- als
auch Zusammenschreibung möglich
ist, mit leichter Präferenz für Getrenntschreibung. Natürlich versteht man im Gesamtzusammenhang auch reformierte Trennschreibung meistens, aber vielfach überlagert von grotesker Anmutung wie auch das Beispiel der "frisch gebackenen" Eheleute zeigt. Fazit: Hier gibt es zwar bei der Anzahl der Möglichkeiten eine Reduktion, aber erkauft um den Preis wesentlich reduzierter Bedeutungspräzision. Unterm Strich minderwertiger bezüglich der Ausdrucksweise, aber als besonderer Kritikpunkt: das alles widerspricht dem Sprachgefühl total. In
der 2006er Version sind zwar formal viele Möglichkeiten der früheren
sinnrichtigen Schreibung wieder erlaubt, allerdings ohne die Verknüpfung
zur Sinnrichtigkeit. Unabhängig davon gibt es Fälle, wo aktuell
das genaue Gegenteil zur Lehrmeinung der letzten 10 Jahre richtig sein
soll (z.B. "auseinandersetzen"). Die Regel: "Auseinander
schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!" wird ausdrücklich
als nicht mehr anzuwendender Lehrsatz abqualifiziert! Hier kann man eigentlich
nur von einer weiteren Steigerung des Chaos' sprechen, oder? Kategorie
2c: Manche Trennungen
stellen enthaltene Hauptwörter wieder einzeln heraus. Damit müssen
diese auch wieder groß geschrieben werden. Aus früher:
"und leidtragend sind die Kinder" (also wie sind sie) wird nun:
"und Leid tragend sind die Kinder" (also was tun sie), was immer
man sich unter Kindern, die Leid tragen, vorzustellen hat... Es entstehen dadurch auch "den Blick anziehende" Hauptwörter im Lesefluß, die mit der eigentlichen Sinnbedeutung des gelesenen Textes keinen Zusammenhang haben und daher störend sind; besonders auch in Kombination mit der weiter unten noch folgenden reformierten Groß-/Kleinschreibung (GKS). Ist schon die "regelkonforme" GZS in vielen Details sehr "gewöhnungsbedürftig", so hat sie aber obendrein noch eine fatale Nebeneigenschaft! Sie verführt nämlich zu grotesken Übergeneralisierungen! Die allgemeine Basisregel der GZS lautet ja: auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme! Etwa: Schluss folgern, Irre führen, Sieges sicher, zu Frieden, usw. Weil solche Kreationen durch Spell checker nicht erkannt werden ist hier der Kreativität Tür und Tor geöffnet (wie ein Blick in fast beliebige Tageszeitungen jederzeit bestätigt). Auch hier: "Auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!" wird 2006 ausdrücklich als nicht mehr anzuwendender Lehrsatz abqualifiziert! Fazit: Es müssen Probleme gelöst werden, die es vorher gar nicht gab. Unterm Strich nur abgehobene Besserwisserei, aber niemals eine Vereinfachung. Man sieht bereits jetzt, daß die Erfinder dieser Reform, verglichen mit anderen Leuten, offenbar ein völlig andersartiges Verständnis von "einfacher machen" haben. Aber"die wahre Bedeutung von etwas nicht verstehen", das ist im PISA Zeitalter ein sich rasch ausbreitender Trend. Auch
in diesem Bereich scheint es in der Version 2006 so zu sein, daß
zusätzlich zu den 1996er Schreibungen in einigen Fällen auch
wieder die normalen Schreibungen erlaubt sind. Etwa: Handvoll, achtgeben,
probefahren, notlanden, zuwege bringen, usw. zu 3.
Dazu möchte ich zuvor etwas ausholen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat sich die Großschreibung von speziellen Wörtern in der deutschen Orthografie bis heute erhalten. Obwohl es ursprünglich ein Hauptziel einer Schreibreform war, Substantivierungen zu reduzieren, sah die tatsächlich umgesetzte Reform eine starke Zunahme der Großschreibungen vor!? Die Funktion der Großschreibung spezifischer Wörter im Deutschen besteht in einer, die Übersicht unterstützenden, optischen Hervorhebung jener Wörter, die als Träger der Aussage fungieren. Im Fließtext sind das vorrangig Eigennamen und Hauptwörter. Um das konsistent anzuwenden gibt es kontextabhängig zusätzlich die Möglichkeit der Substantivierung und der Entsubstantivierung. Wörter also, die von der Wortart her keine Hauptwörter sind, aber hauptwörtlich gebraucht werden - im Sinne von: wovon im Text die Rede ist, werden auch groß geschrieben (Heraufstufung). Andererseits werden Wörter, welche formal Hauptwörter sind, aber nicht Träger dessen, wovon im Text die Rede ist, entsubstantiviert (Herabstufung) und damit klein geschrieben. Mit der Ergänzung: im Zweifel klein! Klingt kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Die soeben beschriebene Methode hatte vor der Reform Gültigkeit und den Zweck, die Lesbarkeit von Texten im Sinne guter Verständlichkeit positiv zu beeinflussen. Durch die Reform wurde alles anders! Neben den Substantivierungen welche bereits unter 1 und 2 genannt wurden, wurde nun eine große Gruppe von Wörtern zu fixen Substantiven erklärt; Wörter hauptsächlich, die früher aufgrund ihrer Unwichtigkeit bezüglich - wovon im Text die Rede ist - entsubstantiviert wurden. Beispiele:
Das Ergebnis
ist, daß viele heutige Texte derart von unwichtigen Hauptwörtern
durchsetzt sind, daß der eigentliche Sinn der Substantivierung weitgehend
verloren geht: Im zweiten Satz suggeriert die Substantivierung "Allgemeinen" eine Bedeutungswichtigkeit, diese existiert aber überhaupt nicht und verwirrt daher! Solche Festlegungen enthalten aber auch noch eine andere Gefahr, nämlich, daß sie in allen vorkommenden Fällen angewendet werden: "Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich gezeigt, daß ..." In diesem Fall schreibt man natürlich auch nach Neuschrieb klein (oder?). Wenn allerdings gelehrt wird "im Allgemeinen" schreibt man groß, darf man sich nicht wundern, wenn man folgendes liest: "Im Allgemeinen Sprachgebrauch hat sich gezeigt, daß ..." Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß die von mir einleitend abgegebene Erklärung der Entscheidungsgrundlage - ob groß oder klein - von vielen Deutschlehrern nicht klar formuliert und erklärt wird. Das ist, vermute ich, der Hauptgrund warum Schreibschüler mit diesem Thema Schwierigkeiten haben. "60
zu 40 sei das Verhältnis von Regelhaftigkeit zu Ausnahmen bei der
Groß- und Kleinschreibung früher gewesen. Also nur mehr 60%
der Großschreibung folgte den Regeln, zu 40% mußte man jedes
einzelne Wort im Wörterbuch nachschlagen." Fazit: Dem kleinen Vorteil, in mehreren Fällen als früher mit einer einfachen Artikelprobe die Schreibung abzuprüfen, stehen genannte Nachteile gegenüber. Aus Sicht des Schreibens gäbe es eine noch einfachere Methode - nämlich alles groß zu schreiben. Oder auch gleich alles klein, das käme dann etwa aufs selbe heraus. Man sollte einfach akzeptieren, daß in diesem Bereich der Schreiber entscheiden soll wie er den Fall empfindet und wie er dementsprechend Substantivierungen anwendet. Soweit
ich es überblicke, hat sich in diesem Bereich wenig geändert,
es sind nur einige weitere Pseudosubstantivierungen dazugekommen, z.B.:
seit Langem, seit Längerem, von Weitem, usw. Fortsetzung
hier, Diesen Aufsatz als PDF
ansehen |
||||||||||||||
|
||||||||||||||