Reizthema Rechtschreibung

Dauerthema Rechtschreibreform - ein Anreiz nachzudenken... Fortsetzung 1

Hier geht es um die Diskussion der Kritikpunkte.

Noch einmal die Übersicht:

  1. Verpflichtung zu ungrammatischen Schreibungen! »
  2. Willkürliche und unlernbare Festlegungen zur Getrennt- /Zusammenschreibung, »
  3. Den inhaltlichen Bedeutungen zuwiderlaufende Großschreibungen, »
  4. Der Bereich s-Schreibung, »
  5. Mißverständnisse produzierende neue Beistrichregelung, »
  6. Punktuelle und willkürliche Änderungen unterm Titel "Stammprinzip" »
  7. Ein Sammelsurium von weiteren Einzeländerungen, welches - völlig unsystematisch - Probleme löst, die zuvor nie bestanden. »

zu 1.
Verpflichtung zu ungrammatischen Schreibungen!

Allein diese Überschrift dürfte es im Zusammenhang mit Rechtschreibung nicht geben. Aber man soll sich nicht täuschen:

1a - Es tut mir sehr weh.
1b - Es tut mir gut.
1c - Es tut mir wohl.
1d - Es tut mir sehr Leid.

Unreformiert schrieb man: Es tut mir sehr leid. Völlig unsystematisch wird hier eine Substantivierung vorgenommen; die Grammatik lehrt, daß man Hauptwörter nicht mit "sehr" erweitern kann. Was also ist das nun? Und vor allem, wie erklärt man die unterschiedlichen Schreibweisen den Schülern als Vereinfachungen?
Weitere Beispiele sind: Recht haben, Pleite gehen, gestern Abend, jemandem Feind sein, ...

Zum Beispiel 1c: es gibt natürlich auch das Hauptwort "Wohl". Es tut mir wohl, im Unterschied zu: etwas zu meinem Wohl tun. Das Hauptwort "Wohl" kann aber nicht mit "sehr" erweitert werden. Es gibt halt auf Deutsch Wörter, die in Groß- und Kleinschreibung als unterschiedliche Wortarten mit unterschiedlichen Bedeutungen existieren. Einfach eine davon wegzustreichen oder sie durch die andere zu ersetzen, das ist eine recht absurde Idee.

Fazit: von Vereinfachung merke ich hier nicht viel, nur eine Menge Inkompetenz.

Panoramafotos aus interessanten Gegenden
Porsche Rennbilder
Eisenbahnbilder aus Österreich und Schweiz
Rennrad, Mountainbike und Ski
Vogelbilder
Tarockregeln "Gumpoldskirchen"
Kurzgeschichten zum Schmunzeln
Links zu verschiedenen Themen
Autor, Copyright, Privacy, Awards, Disclaimer, ...
Einstiegsseite deutsch
skip to the english site version

Das ist die
2. Seite des
Aufsatzes.

Link zur:
Seite 1
Seite 2
Seite 3
Seite 4


Anmerkung 2006: Aus dem ursprünglichen "leid tun" wurde zunächst über 10 Jahre, wie oben kritisiert, "Leid tun", und nun soll es "leidtun" heißen (Zusammenschreibung). Also: Das wird ihm noch leidtun ("leid tun" wäre falsch!), bzw.: Später tat ihm das wirklich leid.
"Recht haben" ist ab 2006 sowohl als "recht haben" als auch als "Recht haben" richtig (unklar bleibt, wieso das so ist), aus "Pleite gehen" wurde 2006 "pleitegehen" bzw. ich "gehe pleite", das ursprüngliche "gestern abend" ist weiterhin falsch, "gestern Abend" muß es also weiterhin heißen, und ab 2006 schreibt man auch wieder: jemandem "feind sein".


zu 2.
Willkürliche und unlernbare Festlegungen zur Getrennt- /Zusammenschreibung (GZS)

Dieser Punkt kommt mir besonders eigenartig vor; ich kann mich nämlich nicht erinnern, daß ich in diesem Zusammenhang früher jemals von Problemen gehört hätte. Also die Lösung eines Problems das es vorher nicht gab. Es ist schlicht und einfach eine Eigenschaft der deutschen Sprache, daß Kombinationswörter gebildet werden können und auch sollen.

Der Grund für die Herausbildung unterschiedlicher Schreibversionen ist die Entwicklung unterschiedlicher Bedeutungen. Das heißt: Getrenntschreibung bedeutet etwas anderes als Zusammenschreibung. Vieles davon soll beiseite gewischt werden; die durch die Reform erfundene allgemeine Basisregel der GZS lautet: Auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!?

Es gibt in diesem Block zumindest drei Unterkategorien.

Kategorie 2a:

Die Vorgaben, was getrennt und was zusammen geschrieben werden soll, sind willkürlich. Kein Sprachgefühl kann zu Rate gezogen werden, ein Wörterbuch ist ein Muß!


links unreformiert:

schlechtmachen

gutmachen

bekanntmachen

kundmachen

eine erfolgversprechende Sache

eine höchst erfolgversprechende Sache

ein frischgebackenes Ehepaar

ein altbackenes Brot

ein heißgeliebtes Mädchen

ein heißgelaufener Motor

er muß sehen, wie er die
Ware los wird

der Mann ist schwer reich

weh tun


rechts reformiert:

schlecht machen

gutmachen

bekannt machen

kundmachen

eine Erfolg versprechende Sache

eine höchst erfolgversprechende
Sache

ein frisch gebackenes Ehepaar

ein altbackenes Brot

ein heiß geliebtes Mädchen

ein heißgelaufener Motor

er muss sehen, wie er die
Ware loswird

der Mann ist schwerreich

wehtun


Beispiele dieser und ähnlicher Art gibt es hunderte. Zugrunde liegen dem Reformwerk "absurde" Regeln, die auf Steigerungsmöglichkeit, Endung und Sonstigem beruhen, ohne Wörterbuch können die Wörter aber bestenfalls auswendig gelernt werden.

Fazit: Ich verstehe unter Vereinfachung etwas anderes. Hauptvorwürfe: Willkür, wider das Sprachgefühl, Unlernbarkeit

Situation 2006:

Wie diese Liste im Detail im Jahre 2006 aussieht, konnte ich mit meinen Bordmitteln leider nicht feststellen. Die Wörter fehlen nämlich großteils in der Wörterliste der amtlichen Regelung. Die Schreibung theoretisch aufgrund der vielen Paragraphen selbst feststellen zu wollen, habe ich wegen der Komplexität der Formulierungen und der vielen Zusatzregeln, die fallweise zu beachten sind, schnell wieder aufgegeben. Dieser Teil wird nachgereicht, sobald ich entsprechende Quellen ausfindig mache.

Als grobe Auskunft kann aber gesagt werden, daß 2006 in sehr vielen Fällen sowohl zusammen als auch getrennt erlaubt ist, zusätzlich wurden aber auch Hunderte neue Zusammenschreibungen festgelegt, die es früher in dieser Form nicht gab!?

Kategorie 2b:

In vielen Fällen verschwinden Wörter, die es vorher gab, vollständig.

Die folgende Wörterliste ist der Beginn der reformbedingt nicht mehr existierenden Wörter:

abscheuerregend, abwärtsgehen, achtgeben, achthaben, achtunggebietend, allgemeinbildend, allgemeingültig, allgemeinverständlich, allzubald, allzufrüh, allzugern(e), allzugroß, allzugut, allzulang/allzulange, allzuleicht, allzuoft, allzuschnell, allzusehr, allzuselten, allzuviel, allzuweit, andersdenkend, andersfarbig, andersgeartet, andersgeschlechtlich, andersgesinnt, andersgläubig, anderslautend, aneinanderbauen, aneinanderbinden, aneinanderfesseln, aneinanderfügen, aneinandergeraten, aneinandergrenzen, aneinanderhalten, aneinanderhängen, aneinanderheften, aneinanderklammern, aneinanderkleben, aneinanderschrauben, aneinanderschweißen, aneinanderstoßen, aneinanderwachsen, anheimfallen, anheimstellen, anrauhen, ansein, aufeinanderbeißen, aufeinanderhetzen, aufeinanderlegen, aufeinanderliegen, aufeinanderprallen, aufeinanderpressen, aufeinanderschichten, aufeinandersetzen, aufeinandersitzen, aufeinanderstapeln, aufeinandertreffen, aufeinandertürmen, aufrauhen, aufsehenerregend, aufsein, ...

In Summe sind das einige tausend Wörter. Dazu kommt, daß unterschiedliche Wörterbücher diesbezüglich zu unterschiedlichen Aussagen gelangen! Ja wirklich! Das wissen wenige! Angeblich gibt es in der 2001 Ausgabe zwischen Duden und Bertelsmann etwa 8000 Unterschiede, man kann sich also ausmalen wie lang die Liste insgesamt ist!

Das Aussehen dieser Liste in Version 2006 ist von mir nicht bestimmbar.

Der eigentliche Schaden ist aber das damit einhergehende Verschwinden von Bedeutungen!

Dies kann z.B. am Begriff "andersdenkend" gezeigt werden.
Als "andersdenkend" empfinde ich jemanden, wenn er zu einer gewissen Thematik eine andere Meinung vertritt. Das Wort gibt es nicht mehr.
Aber "anders denkend" schreibt man, wenn sich dessen Denkvorgänge nach anderen Mustern richten. Wenn man also beim Nachdenken etwa verschiedene Denkansätze einander gegenüberstellt. Steht jetzt für beide Bedeutungen. Auch den "Andersdenkenden" gibt es nicht mehr, nur mehr den "anders Denkenden". Bei den "anders Denkenden" fallen mir immer die Erfinder der Schreibreform ein.

Die 2006er Regeln hierzu verstehe ich so, daß man sowohl "anders denkend" als auch "andersdenkend" schreiben kann. Anders als früher aber, als die Getrenntschreibung die wörtliche Bedeutung und die Zusammenschreibung den übertragenen Sinn bedeutete, kann man jetzt beide Schreibungen für beide Bedeutungen anwenden. Sinnrichtigkeit scheint für die neuen Reformer wie auch für die alten keine Rolle zu spielen.

Vielzitiert ist auch "auseinandersetzen".
Unter "auseinandersetzen" verstehe ich, daß sich entweder jemand mit einem Thema analytisch beschäftigt oder mit einer anderen Person eine Meinungsdifferenz austrägt.
Das Wort gibt es nicht mehr, trotz der Existenz von "Auseinandersetzung".
Unter "auseinander setzten" dagegen verstehe ich, daß sich zwei Leute, die vorher nebeneinander gesessen sind, nun getrennt hinsetzen. Steht jetzt für alle Bedeutungen.

Mit "auseinandersetzen" hab ich seinerzeit unbewußt einen Volltreffer gelandet. Zwischen 1996 und 2006 war "auseinander setzen" die einzig erlaubte Schreibweise für alle Sinnbedeutungen. Und nun, man glaubt es kaum, nun ist die Zusammenschreibung "auseinandersetzen" die einzig zugelassene Schreibung für alle Sinnbedeutungen, da soll sich noch jemand auskennen ...

Zuletzt "alleinstehend".
Als "alleinstehend" bezeichnet man jemanden, der keine Verwandtschaft hat. Das Wort gibt es nicht mehr.
Als "allein stehend" jedoch, daß jemand/etwas irgendwo alleine steht (z.B. ein Baum). Statt "die Alleinstehenden" muß man jetzt "die allein Stehenden" schreiben, für beide Bedeutungen.

Hier handelt es sich 2006 um einen ähnlichen Fall wie bei "anders denkend". Beide Schreibungen "alleinstehend" und "allein stehend" scheinen erlaubt, unabhängig von der Sinnbedeutung.

Ein schönes Beispiel hab ich bei Beschäftigung mit dem neuen Österreichischen Wörterbuch 2006 entdeckt: "übereinander reden".
Auf meine Anfrage hin teilte man mir mit:

  • Infinitiv: übereinander reden
    [nur getrennt nach § 34(1.2) E1]

  • Partizip I: übereinander redend/übereinanderredend [!]
    [getrennt oder zusammen nach § 36(2)]

  • Partizip II: übereinander geredet
    [nur getrennt nach § 34(1.2) E1 und weil kein adjektivischer Gebrauch gem. § 36(2)]

Was fällt auf?

Zunächst, daß die verschiedenen Verbformen nach unterschiedlichen Regeln bzw. deren Kombinationen gebildet werden müssen! Ein toller Beweis für "Logik und Einfachheit" der neuen Rechtschreibung ...

Weiters fällt auf, daß aus erfunden formalen Gründen der Schwachsinn "übereinanderredend" vollständig dem amtlichen Regelwerk entspricht, Bedeutung und Sinn spielen also auch weiterhin keine Rolle!

Beim formal sehr nahen "durcheinander reden" ist die Situation wieder anders. Hier darf in allen drei Formen, obwohl seit 1998 nur Getrenntschreibung erlaubt war,
ab 2006 nur mehr zusammen geschrieben werden:

  • durcheinanderreden
  • durcheinanderredend
  • durcheinandergeredet

und das, obwohl dem Sinn nach in allen drei Fällen sowohl Getrennt- als auch Zusammenschreibung möglich ist, mit leichter Präferenz für Getrenntschreibung.

Natürlich versteht man im Gesamtzusammenhang auch reformierte Trennschreibung meistens, aber vielfach überlagert von grotesker Anmutung wie auch das Beispiel der "frisch gebackenen" Eheleute zeigt.

Fazit: Hier gibt es zwar bei der Anzahl der Möglichkeiten eine Reduktion, aber erkauft um den Preis wesentlich reduzierter Bedeutungspräzision. Unterm Strich minderwertiger bezüglich der Ausdrucksweise, aber als besonderer Kritikpunkt: das alles widerspricht dem Sprachgefühl total.

In der 2006er Version sind zwar formal viele Möglichkeiten der früheren sinnrichtigen Schreibung wieder erlaubt, allerdings ohne die Verknüpfung zur Sinnrichtigkeit. Unabhängig davon gibt es Fälle, wo aktuell das genaue Gegenteil zur Lehrmeinung der letzten 10 Jahre richtig sein soll (z.B. "auseinandersetzen"). Die Regel: "Auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!" wird ausdrücklich als nicht mehr anzuwendender Lehrsatz abqualifiziert! Hier kann man eigentlich nur von einer weiteren Steigerung des Chaos' sprechen, oder?

Kategorie 2c:

Durch Auseinanderschreibung entstehen ungewollte Substantivierungen, ein Umstand, welcher zuvor vollkommen unbekannte Probleme neu erzeugt.

Manche Trennungen stellen enthaltene Hauptwörter wieder einzeln heraus. Damit müssen diese auch wieder groß geschrieben werden.
Beispiele: Not landen, Probe fahren, Leid Tragende, Hand voll, Acht geben, zu Wege, allein Stehende, usw.

Aus früher: "und leidtragend sind die Kinder" (also wie sind sie) wird nun: "und Leid tragend sind die Kinder" (also was tun sie), was immer man sich unter Kindern, die Leid tragen, vorzustellen hat...
Aus früher: "ich esse eine Handvoll Bonbons" wird nun: "ich esse eine Hand voll Bonbons", wie so eine Hand wohl schmecken mag, vermutlich etwas für Kannibalen?

Es entstehen dadurch auch "den Blick anziehende" Hauptwörter im Lesefluß, die mit der eigentlichen Sinnbedeutung des gelesenen Textes keinen Zusammenhang haben und daher störend sind; besonders auch in Kombination mit der weiter unten noch folgenden reformierten Groß-/Kleinschreibung (GKS).

Ist schon die "regelkonforme" GZS in vielen Details sehr "gewöhnungsbedürftig", so hat sie aber obendrein noch eine fatale Nebeneigenschaft! Sie verführt nämlich zu grotesken Übergeneralisierungen! Die allgemeine Basisregel der GZS lautet ja: auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!

Etwa: Schluss folgern, Irre führen, Sieges sicher, zu Frieden, usw.

Weil solche Kreationen durch Spell checker nicht erkannt werden ist hier der Kreativität Tür und Tor geöffnet (wie ein Blick in fast beliebige Tageszeitungen jederzeit bestätigt).

Auch hier: "Auseinander schreiben ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!" wird 2006 ausdrücklich als nicht mehr anzuwendender Lehrsatz abqualifiziert!

Fazit: Es müssen Probleme gelöst werden, die es vorher gar nicht gab. Unterm Strich nur abgehobene Besserwisserei, aber niemals eine Vereinfachung.

Man sieht bereits jetzt, daß die Erfinder dieser Reform, verglichen mit anderen Leuten, offenbar ein völlig andersartiges Verständnis von "einfacher machen" haben. Aber"die wahre Bedeutung von etwas nicht verstehen", das ist im PISA Zeitalter ein sich rasch ausbreitender Trend.

Auch in diesem Bereich scheint es in der Version 2006 so zu sein, daß zusätzlich zu den 1996er Schreibungen in einigen Fällen auch wieder die normalen Schreibungen erlaubt sind. Etwa: Handvoll, achtgeben, probefahren, notlanden, zuwege bringen, usw.
Trotzdem schreibe ich richtig, wenn ich im selben Absatz etwas zu Wege bringe und an einer anderen Stelle etwas zuwege gebracht habe...


zu 3.
Den inhaltlichen Bedeutungen zuwiderlaufende Großschreibungen

Dazu möchte ich zuvor etwas ausholen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat sich die Großschreibung von speziellen Wörtern in der deutschen Orthografie bis heute erhalten. Obwohl es ursprünglich ein Hauptziel einer Schreibreform war, Substantivierungen zu reduzieren, sah die tatsächlich umgesetzte Reform eine starke Zunahme der Großschreibungen vor!?

Die Funktion der Großschreibung spezifischer Wörter im Deutschen besteht in einer, die Übersicht unterstützenden, optischen Hervorhebung jener Wörter, die als Träger der Aussage fungieren. Im Fließtext sind das vorrangig Eigennamen und Hauptwörter.

Um das konsistent anzuwenden gibt es kontextabhängig zusätzlich die Möglichkeit der Substantivierung und der Entsubstantivierung. Wörter also, die von der Wortart her keine Hauptwörter sind, aber hauptwörtlich gebraucht werden - im Sinne von: wovon im Text die Rede ist, werden auch groß geschrieben (Heraufstufung).

Andererseits werden Wörter, welche formal Hauptwörter sind, aber nicht Träger dessen, wovon im Text die Rede ist, entsubstantiviert (Herabstufung) und damit klein geschrieben. Mit der Ergänzung: im Zweifel klein! Klingt kompliziert, ist es aber eigentlich nicht.

Die soeben beschriebene Methode hatte vor der Reform Gültigkeit und den Zweck, die Lesbarkeit von Texten im Sinne guter Verständlichkeit positiv zu beeinflussen.

Durch die Reform wurde alles anders! Neben den Substantivierungen welche bereits unter 1 und 2 genannt wurden, wurde nun eine große Gruppe von Wörtern zu fixen Substantiven erklärt; Wörter hauptsächlich, die früher aufgrund ihrer Unwichtigkeit bezüglich - wovon im Text die Rede ist - entsubstantiviert wurden.

Beispiele:

im Allgemeinen, des Weiteren, im Wesentlichen, des Langen und Breiten, im Nachhinein, im Voraus, alles Übrige, als Erstes, der Letzte, der Letztere, bei Weitem, Verschiedenes, zu Eigen machen, in Acht nehme, den Kürzeren ziehen, von Neuem, ohne Weiteres, der Nächste bitte, usw.

Das Ergebnis ist, daß viele heutige Texte derart von unwichtigen Hauptwörtern durchsetzt sind, daß der eigentliche Sinn der Substantivierung weitgehend verloren geht:

Nach 20 Uhr bin ich im allgemeinen zu Hause.
Nach 20 Uhr bin ich im Allgemeinen zu Hause.

Im zweiten Satz suggeriert die Substantivierung "Allgemeinen" eine Bedeutungswichtigkeit, diese existiert aber überhaupt nicht und verwirrt daher!

Solche Festlegungen enthalten aber auch noch eine andere Gefahr, nämlich, daß sie in allen vorkommenden Fällen angewendet werden:

"Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich gezeigt, daß ..."

In diesem Fall schreibt man natürlich auch nach Neuschrieb klein (oder?). Wenn allerdings gelehrt wird "im Allgemeinen" schreibt man groß, darf man sich nicht wundern, wenn man folgendes liest:

"Im Allgemeinen Sprachgebrauch hat sich gezeigt, daß ..."

Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß die von mir einleitend abgegebene Erklärung der Entscheidungsgrundlage - ob groß oder klein - von vielen Deutschlehrern nicht klar formuliert und erklärt wird. Das ist, vermute ich, der Hauptgrund warum Schreibschüler mit diesem Thema Schwierigkeiten haben.

"60 zu 40 sei das Verhältnis von Regelhaftigkeit zu Ausnahmen bei der Groß- und Kleinschreibung früher gewesen. Also nur mehr 60% der Großschreibung folgte den Regeln, zu 40% mußte man jedes einzelne Wort im Wörterbuch nachschlagen."

Dieses Statement gab der ehemalige Leiter der "Zwischenstaatlichen Kommission" in einer Fernsehsendung vor laufender Kamera ab. Offenbar hatte auch er das genannte Prinzip noch nicht verstanden, und statt es zu lernen, erfanden er und sein Team halt kurzerhand etwas Neues, so einfach geht das ...

Fazit: Dem kleinen Vorteil, in mehreren Fällen als früher mit einer einfachen Artikelprobe die Schreibung abzuprüfen, stehen genannte Nachteile gegenüber. Aus Sicht des Schreibens gäbe es eine noch einfachere Methode - nämlich alles groß zu schreiben. Oder auch gleich alles klein, das käme dann etwa aufs selbe heraus.

Man sollte einfach akzeptieren, daß in diesem Bereich der Schreiber entscheiden soll wie er den Fall empfindet und wie er dementsprechend Substantivierungen anwendet.

Soweit ich es überblicke, hat sich in diesem Bereich wenig geändert, es sind nur einige weitere Pseudosubstantivierungen dazugekommen, z.B.: seit Langem, seit Längerem, von Weitem, usw.

Fortsetzung hier, Diesen Aufsatz als PDF ansehen

Reizthema Rechtschreibreform, 07/2006

Letztes Update: Juli 2006 - senden Sie mir eine email
-- Inhalt und Design © ebepe - the ebepe pages - www.ebepe.com und www.eberhard.at - 1999 ÷ 2006 --
seitenanfang