| Reizthema Rechtschreibung |
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Dauerthema Rechtschreibreform - ein Anreiz nachzudenken... Fortsetzung 2 Hier geht
es um die Diskussion der Kritikpunkte. Noch einmal die Übersicht:
zu 4.
Die reformierte s-Schreibung ist sozusagen "das Aushängeschild" der Reform. Daß sich hier etwas getan hat, das wissen mittlerweile selbst die schwerfälligsten Ignoranten. An der s-Schreibung erkennt man auch rasch, ob ein Text reformiert geschrieben ist oder nicht. Wenn anstatt "daß" nämlich "dass" vorkommt, liegt Reformschreibung vor; zumindest glauben das fast alle. Alle, die schon bis hierher vorgedrungen sind, wissen aber, daß es auch viele andere Merkmale gibt. Im Mittelpunkt der neuen s-Schreibung steht eine Änderung in der Anwendung des scharfen "ß". In einigen Fällen, in denen früher "ß" geschrieben wurde, ist jetzt "ss" die neue Regel. Die unreformierte
Version stammt von Adelung, also die Adelungsche s-Schreibung. In BLOCKBUCHSTABENSCHRIFT gibt es kein "ß". Es wird also immer "SS" geschrieben (HASS), egal ob im betreffenden Wort in Minuskelschrift ss oder ß daraus wird. Ein "SS" in Blockbuchstabenschrift deutet an, daß das "SS" stimmlos (scharf) gesprochen wird. |
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Das ist die
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Das Wort "daß" ist eine Ergänzung, um die Konjunktion vom Pronomen/Artikel "das" schriftlich zu unterscheiden. Einfach-s ist normalerweise ohnehin kein Problem. Weil etwa das Wort "Hose" keine Form hat, die bei Silbentrennung mit zwei "s" gesprochen wird und auch nicht scharf (stimmlos) gesprochen wird, schreibt man ganz normal ein "s". Dem gegenüber steht die reformierte s-Schreibung. Sie wird auch Heysesche Schreibung genannt. Anders als bei Adelung wird hier die Betonung beim Sprechen als Kriterium herangezogen, um die Schreibung festzustellen. Nur nebenbei sei erwähnt, daß die Heysesche s-Schreibung bereits im 19. Jahrhundert einmal probiert wurde (in Österreich), um wenig später jedoch als "problematisch" erkannt und wieder durch die bewährtere Adelungsche Schreibung ersetzt zu werden. Um keine Fehler zu machen, zitiere ich die Regel (K 159) aus dem Duden (2001): "1.
Für den stimmlosen s-Laut nach langem Vokal oder Doppellaut (Diphtong)
schreibt man "ß" (Blöße, Maße, Maß,
grüßen, grüßte, Gruß, außer, reißen,
es reißt, Fleiß, Preußen). Ausnahmen: aus, heraus usw. Mehrere Dinge fallen auf: Um diese Regel zur Probe zu verwenden, muß jemand wissen, was ein Diphthong ist, und er muß langen und kurzen Vokal voneinander unterscheiden können. Man muß also jedenfalls die deutsche "Normalaussprache" kennen, zusätzlich zu einem eventuell gesprochenen Dialekt. Dann fällt auf, daß es am Wortende alle Möglichkeiten gibt: "s", "ss" und "ß". Die Wahrscheinlichkeit, bei Ungewißheit einen Fehler zu machen, steigt von 50% bei Adelung auf 67% bei Heyse. In Kurzanleitungen (z. B. Duden) steht oft: "ß" nach kurzem (betontem) Vokal wird durch "ss" ersetzt. Das klingt natürlich sehr einfach, es setzt aber natürlich die Kenntnis der früheren s-Schreibung voraus; etwas, das bei jungen Schülern aber wohl selten der Fall sein dürfte. Weiters gibt
es bei Heyse eine relativ große Zahl von Ausnahmen, selbst im Bereich
der Allerweltswörter (aus, bis, was, ...). Diskussion müßte
man der Regel zufolge eigentlich 'Disskussion' schreiben, oder? Dieser
früher völlig unbekannte Fehler ist heute weitverbreitet, wie
ca. 66.000 Treffer bei Google beweisen, wenn man nach dieser Schreibung
sucht. Ein Vorteil, wird behauptet, sei die stammäßige Gleichschreibung bei unterschiedlichen Flexionen des selben Wortes. Aber selbst das stimmt nicht: fließen, floss, geflossen; gießen, goss, gegossen; er weiß, er wusste; Maß, messen, usw. Ein Irritationsgrund ist auch in Wörtern wie bisschen', musste', usw. gegeben. Weil sch' im Deutschen üblicherweise als ein Laut verstanden und gesprochen wird, zerfällt bisschen' eigentlich in bis-schen. Ähnlich wird auch st' als zusammengehörig empfunden, musste' wird dadurch zu mus-ste', was gleichzeitig auch eine falsche Trennung suggeriert. Obwohl die Heyse Version bereits jetzt für mich im Nachteil liegt, es gibt noch weitere Aspekte: Nußschokolade
- Nussschokolade, Außerdem
können Wortbilder entstehen, bei denen sich die Bedeutung nur durch
den Kontext ergibt: Schlosserhaltung; nach Adelung: Schloßerhaltung
oder Schlosserhaltung. Eine Falle
hält die Heyse Schreibung wie erwähnt auch bei der Trennung
bereit: teilt man etwa "mes-sen" analog zu Adelung zwischen
den beiden "s", so wird beim Wort "Mess-wert" nicht
zwischen den beiden "s" geteilt. Einige wissen das scheinbar
nicht; in der Zeitschrift "foto magazin" las ich in der Ausgabe
1/2006 z. B. die witzige Trennung "Mes-sfeld"... Als Ergänzung noch ein weiteres Beispiel: "fast" im Sinn von beinahe. Jemand, der von Heyse kommt, der würde hier gern "fasst" schreiben, das gibt es aber schon, als Form von "fassen". "Fast" hat aber auch keinen Wortstamm, um irgend eine derartige Regel anzuwenden. Es wird halt einfach mit einem "s" geschrieben, um es von der Version mit ss/ß überhaupt unterscheiden zu können. Solche Fälle gibt es, sie sprechen aber weder für, noch gegen das Grundmodell der s-Schreibung, sie sind einfach in beiden Modellen gleichartig vorhanden. Fazit: Ob die Heyse Regel schwieriger oder leichter ist, läßt sich theoretisch schwer nachweisen; das sprachliche "Aufsagen" der Regel dürfte vermutlich einfacher sein, zumindest wenn man es auf den Kernbereich der Regel einschränkt. Tatsache ist jedenfalls, daß es in der täglichen Schreibpraxis nach Heyse eine Unzahl von s-Fehlern gibt, egal wo man hinsieht. An der Erreichung des Reformziels darf also stark gezweifelt werden. Hier
hat sich in der 2006er Version nichts verändert, es ist alles gleich
zweitklassig geblieben! zu 5.
Beistriche sollen den Text strukturieren und die einzelnen Bedeutungsblöcke (Sätze, Nebensätze) markieren. Sie funktionieren ähnlich den Klammerungen in der Mathematik. Sie sollen beim Lesen helfen, den Sinn des Textes - aufgrund seiner Struktur - sicher zu verstehen. Nun bin ich bei Gott keiner, der je behaupten würde, das vollumfängliche Regelwerk vor der Reform wäre einfach gewesen; natürlich nicht. Hier ist für mich die Spielwiese, um sinnvolle Reformvorschläge zu machen! Man hat das Problem, jenen Übergang zu lösen bzw. zu definieren, ab wann die Anwendung von Regeln wirklich hilfreich ist oder wann nur formale Regelkonformität gegeben ist. Also etwa der korrekt mit Kommata versehene Satz: "Hunde, die bellen, beißen nicht." ist in der Form: "Hunde die bellen beißen nicht." ganz ohne Abstriche zu verstehen, und ums verstehen geht's ja letztlich. Aber: Erst Sätze, gebaut nach diesem Bauprinzip, bei denen aber die Einzelteile länger und möglicherweise, verkompliziert durch weitere Einschübe, ohne Kommata unübersichtlich wären, verlangen nach einer gliedernden Kommasetzung. Diesbezügliche Entscheidungen kann man durchaus dem Schreiber überlassen, finde ich. Aber zurück
zur Reform; "Sie empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen." So wie er hier steht ist er gemäß Reform richtig und steht gemeinsam für folgende drei Möglichkeiten. Der Leser kann sich aussuchen, was gemeint ist. Sie empfahl,
dem Lehrer nicht zu widersprechen. Allein dieses Beispiel zeigt, daß ein wesentliches Ziel von reformiert geschriebenem Text nicht sicher erreicht wird, nämlich dem Leser eine zweifelsfreie Nachricht zu übermitteln. Fazit: Obwohl es sicher einfacher ist, Beistriche wegzulassen, als diese sinnwahrend richtig zu setzen: hier wird eindeutig des Guten zuviel getan. Das Verständnis beim Leser ist das Maß, nicht eine scheinbare Erleichterung beim Schreiben! Bei
der Beurteilung von Beistrichfragen tu ich mir etwas schwer. Ich bin ein
Freund der Sinnrichtigkeit, wie ich schon mehrfach zu erkennen gab. Für
mich sind also fehlende Beistriche, die aber keinen Zweifel am Sinn aufkommen
lassen, eigentlich keine echten Fehler.
Jetzt kommen wir endlich zu jenen Fällen, die von einfältigen Journalisten seit jeher in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt wurden. Stichworte:
Gämse statt Gemse, Stängel statt Stengel, gräulich statt
greulich, "behände" statt "behende", Natürlich kann man sich fragen, woher Wörter ursprünglich kommen. Man kann auch, sollte es dabei häufig zu Schreibfehlern kommen, Änderungen vorschlagen. Ich kann mich nur nicht erinnern, daß es in diesem Zusammenhang jemals spezifische Probleme gab. Es wurde also eine x-beliebige Anzahl von Wörtern hergenommen und "beschlossen", daß diese ab nun anders zu schreiben sind. Daß eventuell eine, in der Schreibentwicklung enthaltene, verborgene Intelligenz zu diesen Schreibungen geführt haben könnte, auf diese Idee kamen die Reformer wohl nicht (wer denkt denn bei greulich schon an grau, bei behende schon an Hand?). Abgesehen davon, daß die Auswahl der geänderten Wörter mehr als willkürlich ist, es wurden dabei auch noch eine Menge Fehler begangen. "Tollpatsch" kommt nämlich nicht von toll und "einbläuen" auch nicht von blau, das nur nebenbei. Fazit: Unter der Überschrift "Beseitigung von Ausnahmen" wurden Probleme gelöst, die vorher niemand hatte. Und einfacher ist die neue Version sicher auch nicht, man kann sich nämlich nicht auf sie verlassen (Ältern, käntern, ... wird nicht geschrieben). Eher entstehen groteske Mißverständnisse der Art: das Essen war gräulich. In diesem Bereich hat sich keine Änderung ergeben, die Situation bleibt wider den langjährig aus sich selbst herausgebildeten Sprach- bzw. Schriftgebrauch. zu 7.
Aus "selbständig" wird "selbstständig", aus "Thunfisch" wird "Tunfisch", aus "Spaghetti" wird "Spagetti", aus "Erste Hilfe" wird "erste Hilfe", aus "2jährig" wird "2-jährig", aus "der 4jährige Bub" wird "der 4-Jährige Bub", aus "Schiffahrt" wird "Schifffahrt", aus "rauh" wird "rau", aus "Teei" wird "Teeei", man kann "Ruma-roma" abtrennen, "du" oder "Du", bzw. "sie " oder "Sie" in der direkten Anrede, usw. Gäb's keine Vorgeschichte, könnte man über alles reden. Weil es aber eine Vorgeschichte gibt, und zwar eine, die in den Köpfen von etwa 100 Millionen Leuten existiert (neben den gedruckten Bibliothekinhalten), sind alle willkürlichen Änderungen ohne vorhergehenden Leidensdruck einfach ärgerlicher Unsinn! Fazit: Eine Mischung aus Lächerlichkeiten, Unsinn und nicht Notwendigem. Auch
hier: In diesem Bereich hat sich keine wesentliche Änderung ergeben,
die Situation bleibt wider den langjährig aus sich selbst herausgebildeten
Sprach- bzw. Schriftgebrauch. Einzig die Ergänzung, in Zukunft keine
Einzelbuchstaben mehr abzutrennen (A-bend), ist neu. Etwas lächerlich
wirkt bei der heutigen Allgegenwart des Englischen auch die Vorgabe, auf
Deutsch z. B. Ladys statt Ladies schreiben zu müssen. Politiker und die Journaille reproduzierten diese Botschaft damals zigfach, natürlich ohne das zugrundeliegende Regelwerk auch nur ein einziges Mal selbst in Augenschein genommen zu haben. Prof. Werner Veith von der Universität Mainz unterzog diese Behauptung schließlich einer genauen Analyse und stellte fest, daß mit der Reduktion von 212 auf 112 einherging: "daß die 112 amtlichen Regeln der reformierten Rechtschreibung nur umsetzbar sind, wenn man 1106 Anwendungsbestimmungen berücksichtigt, in denen 105 Wortlisten (Ausnahmen von den Regeln) enthalten sind mit zusammen 1180 zu memorierenden oder nachzuschlagenden Wörtern. Allein im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung gibt es bei sieben Regeln 253 Anwendungsbestimmungen mit 45 Unterregeln, zwei Spezifikationen, 15 Kann-Bestimmungen, 123 Bedingungen, 33 Listen und 28 Verweisen." So sah die
neue Einfachheit also tatsächlich aus... Gesamtfazit: Aus meiner Sicht kann weder von einer Vereinfachung, noch von positiven Auswirkungen auf Schreib- oder Lesbarkeit gesprochen werden. Ich bekomme ganz stark den Eindruck von Inkompetenz und irrational abgehobener Praxisfremdheit. Ja, ganz genau! Irrational abgehobene Praxisfremdheit! Beurteilung
der Revision 2006: Natürlich kann es sein, daß ich "betriebsblind" bin und etwaige Vorteile glatt übersehen habe. Sollte also ein werter Leser dieser Ansicht sein, bitte ich um kurze Mailnachricht!
Fortsetzung
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