Reizthema Rechtschreibung

Dauerthema Rechtschreibreform - ein Anreiz nachzudenken... Fortsetzung 2

Hier geht es um die Diskussion der Kritikpunkte.

Noch einmal die Übersicht:

  1. Verpflichtung zu ungrammatischen Schreibungen! »
  2. Willkürliche und unlernbare Festlegungen zur Getrennt- /Zusammenschreibung, »
  3. Den inhaltlichen Bedeutungen zuwiderlaufende Großschreibungen, »
  4. Der Bereich s-Schreibung, »
  5. Mißverständnisse produzierende neue Beistrichregelung, »
  6. Punktuelle und willkürliche Änderungen unterm Titel "Stammprinzip" »
  7. Ein Sammelsurium von weiteren Einzeländerungen, welches - völlig unsystematisch - Probleme löst, die zuvor nie bestanden. »

zu 4.
Der Bereich s-Schreibung

Die reformierte s-Schreibung ist sozusagen "das Aushängeschild" der Reform. Daß sich hier etwas getan hat, das wissen mittlerweile selbst die schwerfälligsten Ignoranten. An der s-Schreibung erkennt man auch rasch, ob ein Text reformiert geschrieben ist oder nicht. Wenn anstatt "daß" nämlich "dass" vorkommt, liegt Reformschreibung vor; zumindest glauben das fast alle. Alle, die schon bis hierher vorgedrungen sind, wissen aber, daß es auch viele andere Merkmale gibt.

Im Mittelpunkt der neuen s-Schreibung steht eine Änderung in der Anwendung des scharfen "ß". In einigen Fällen, in denen früher "ß" geschrieben wurde, ist jetzt "ss" die neue Regel.

Die unreformierte Version stammt von Adelung, also die Adelungsche s-Schreibung.
Ihr Vorteil, und das ist der Grund warum sie schon vor der Reform 1901 benutzt wurde, ist, daß es eigentlich nur darauf ankommt zu prüfen, wie sich eine Silbentrennung gestaltet:

In BLOCKBUCHSTABENSCHRIFT gibt es kein "ß". Es wird also immer "SS" geschrieben (HASS), egal ob im betreffenden Wort in Minuskelschrift ss oder ß daraus wird. Ein "SS" in Blockbuchstabenschrift deutet an, daß das "SS" stimmlos (scharf) gesprochen wird.

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Das ist die
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In jenen Fällen nun, in denen bei Silbentrennung ein "s" zur ersten Silbe und das andere zur zweiten Silbe fällt (Silbengelenk), wird in Minuskelschrift "ss" geschrieben (Mas-se, küs-sen). In allen anderen Fällen, in denen also beide "s" nur einer Silbe zufallen würden, wird "ß" als andere, nicht trennbare Schreibweise eines "ss" geschrieben (Haß, Kuß, küß-te, Ma-ße, Stra-ße, Grü-ße). Daraus folgt auch zwangsläufig, daß an Silben- und Wortenden nie ein "ss" stehen kann und man immer zwischen den beiden s trennen kann.

Das Wort "daß" ist eine Ergänzung, um die Konjunktion vom Pronomen/Artikel "das" schriftlich zu unterscheiden.

Einfach-s ist normalerweise ohnehin kein Problem. Weil etwa das Wort "Hose" keine Form hat, die bei Silbentrennung mit zwei "s" gesprochen wird und auch nicht scharf (stimmlos) gesprochen wird, schreibt man ganz normal ein "s".

Dem gegenüber steht die reformierte s-Schreibung.

Sie wird auch Heysesche Schreibung genannt. Anders als bei Adelung wird hier die Betonung beim Sprechen als Kriterium herangezogen, um die Schreibung festzustellen.

Nur nebenbei sei erwähnt, daß die Heysesche s-Schreibung bereits im 19. Jahrhundert einmal probiert wurde (in Österreich), um wenig später jedoch als "problematisch" erkannt und wieder durch die bewährtere Adelungsche Schreibung ersetzt zu werden.

Um keine Fehler zu machen, zitiere ich die Regel (K 159) aus dem Duden (2001):

"1. Für den stimmlosen s-Laut nach langem Vokal oder Doppellaut (Diphtong) schreibt man "ß" (Blöße, Maße, Maß, grüßen, grüßte, Gruß, außer, reißen, es reißt, Fleiß, Preußen). Ausnahmen: aus, heraus usw.

2. Dies gilt jedoch nur, wenn der s-Laut in allen Beugungsformen stimmlos bleibt und wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt. (§23 und §25). Haus (stimmhaftes s in Häuser), Gras (stimmhaftes s in Gräser), sauste (stimmhaftes s in sausen), meistens (folgender Konsonant im Wortstamm).

3. Für den stimmlosen s-Laut nach kurzem Vokal schreibt man ss. Das gilt auch im Auslaut der Wortstämme (§2). Masse, Kongress, wässrig, Erstklässler, dass, hassen, ihr hasst, Fluss, missachten, isst, iss. Ausnahmen: das (Pronomen, Artikel), was, des, wes, bis.

4. Wörter auf "-nis" und bestimmte Fremdwörter werden nur mit einem s geschrieben, obwohl ihr Plural mit Doppel-s gebildet wird (§4 und §5): Zeugnis (trotz Zeugnisse), Geheimnis (trotz Geheimnisse), Bus (trotz Busse), Atlas (trotz Atlasse)."

Mehrere Dinge fallen auf:

Um diese Regel zur Probe zu verwenden, muß jemand wissen, was ein Diphthong ist, und er muß langen und kurzen Vokal voneinander unterscheiden können. Man muß also jedenfalls die deutsche "Normalaussprache" kennen, zusätzlich zu einem eventuell gesprochenen Dialekt.

Dann fällt auf, daß es am Wortende alle Möglichkeiten gibt: "s", "ss" und "ß". Die Wahrscheinlichkeit, bei Ungewißheit einen Fehler zu machen, steigt von 50% bei Adelung auf 67% bei Heyse.

In Kurzanleitungen (z. B. Duden) steht oft: "ß" nach kurzem (betontem) Vokal wird durch "ss" ersetzt. Das klingt natürlich sehr einfach, es setzt aber natürlich die Kenntnis der früheren s-Schreibung voraus; etwas, das bei jungen Schülern aber wohl selten der Fall sein dürfte.

Weiters gibt es bei Heyse eine relativ große Zahl von Ausnahmen, selbst im Bereich der Allerweltswörter (aus, bis, was, ...). Diskussion müßte man der Regel zufolge eigentlich 'Disskussion' schreiben, oder? Dieser früher völlig unbekannte Fehler ist heute weitverbreitet, wie ca. 66.000 Treffer bei Google beweisen, wenn man nach dieser Schreibung sucht.

Und auch die Unterscheidung zwischen "das" und "dass" muß weiterhin getroffen werden. Ganz zu schweigen von den Verweisen auf weitere Paragraphen, das erforderliche Verständnis von Begriffen wie Wortstamm, u. ä.

Ein Vorteil, wird behauptet, sei die stammäßige Gleichschreibung bei unterschiedlichen Flexionen des selben Wortes. Aber selbst das stimmt nicht: fließen, floss, geflossen; gießen, goss, gegossen; er weiß, er wusste; Maß, messen, usw.

Ein Irritationsgrund ist auch in Wörtern wie ‚bisschen', ‚musste', usw. gegeben. Weil ‚sch' im Deutschen üblicherweise als ein Laut verstanden und gesprochen wird, zerfällt ‚bisschen' eigentlich in bis-schen. Ähnlich wird auch ‚st' als zusammengehörig empfunden, ‚musste' wird dadurch zu ‚mus-ste', was gleichzeitig auch eine falsche Trennung suggeriert.

Obwohl die Heyse Version bereits jetzt für mich im Nachteil liegt, es gibt noch weitere Aspekte:

Nußschokolade - Nussschokolade,
Schloßstraße - Schlossstraße, Kongreßsaal - Kongresssaal.


Unreformiert markiert das optisch schön erkennbare "ß" die Silbentrennfuge. Wortbilder, die drei "s" hintereinander haben, erschweren die Lesbarkeit unnötig.

Außerdem können Wortbilder entstehen, bei denen sich die Bedeutung nur durch den Kontext ergibt: Schlosserhaltung; nach Adelung: Schloßerhaltung oder Schlosserhaltung.

Eine Falle hält die Heyse Schreibung wie erwähnt auch bei der Trennung bereit: teilt man etwa "mes-sen" analog zu Adelung zwischen den beiden "s", so wird beim Wort "Mess-wert" nicht zwischen den beiden "s" geteilt. Einige wissen das scheinbar nicht; in der Zeitschrift "foto magazin" las ich in der Ausgabe 1/2006 z. B. die witzige Trennung "Mes-sfeld"...

Letztlich gibt es noch den Effizienzaspekt: "ß" ist ein Anschlag am PC, "ss" sind zwei.

Obwohl häufig behauptet wird, die Heyse Schreibung sei so einfach und logisch, gibt es gerade auf diesem Gebiet enorm viele Fehler; egal wo man heute hinsieht, begegnet einem: Grüsse, Strasse, Grossmarkt, Aussendienst, usw.

Die Schweizer s-Schreibung kennt überhaupt kein "ß", es wird statt "ß" immer "ss" geschrieben. Der Grund: "ß" fehlt wegen der Schweizer Mehrsprachigkeit auf der Tastatur.

Als Ergänzung noch ein weiteres Beispiel: "fast" im Sinn von beinahe. Jemand, der von Heyse kommt, der würde hier gern "fasst" schreiben, das gibt es aber schon, als Form von "fassen".

"Fast" hat aber auch keinen Wortstamm, um irgend eine derartige Regel anzuwenden. Es wird halt einfach mit einem "s" geschrieben, um es von der Version mit ss/ß überhaupt unterscheiden zu können. Solche Fälle gibt es, sie sprechen aber weder für, noch gegen das Grundmodell der s-Schreibung, sie sind einfach in beiden Modellen gleichartig vorhanden.

Fazit: Ob die Heyse Regel schwieriger oder leichter ist, läßt sich theoretisch schwer nachweisen; das sprachliche "Aufsagen" der Regel dürfte vermutlich einfacher sein, zumindest wenn man es auf den Kernbereich der Regel einschränkt. Tatsache ist jedenfalls, daß es in der täglichen Schreibpraxis nach Heyse eine Unzahl von s-Fehlern gibt, egal wo man hinsieht. An der Erreichung des Reformziels darf also stark gezweifelt werden.

Hier hat sich in der 2006er Version nichts verändert, es ist alles gleich zweitklassig geblieben!

zu 5.
Mißverständnisse produzierende neue Beistrichregelung,

Beistriche sollen den Text strukturieren und die einzelnen Bedeutungsblöcke (Sätze, Nebensätze) markieren. Sie funktionieren ähnlich den Klammerungen in der Mathematik. Sie sollen beim Lesen helfen, den Sinn des Textes - aufgrund seiner Struktur - sicher zu verstehen.

Nun bin ich bei Gott keiner, der je behaupten würde, das vollumfängliche Regelwerk vor der Reform wäre einfach gewesen; natürlich nicht. Hier ist für mich die Spielwiese, um sinnvolle Reformvorschläge zu machen!

Man hat das Problem, jenen Übergang zu lösen bzw. zu definieren, ab wann die Anwendung von Regeln wirklich hilfreich ist oder wann nur formale Regelkonformität gegeben ist.

Also etwa der korrekt mit Kommata versehene Satz:

"Hunde, die bellen, beißen nicht."

ist in der Form:

"Hunde die bellen beißen nicht."

ganz ohne Abstriche zu verstehen, und ums verstehen geht's ja letztlich. Aber:

Erst Sätze, gebaut nach diesem Bauprinzip, bei denen aber die Einzelteile länger und möglicherweise, verkompliziert durch weitere Einschübe, ohne Kommata unübersichtlich wären, verlangen nach einer gliedernden Kommasetzung.

Diesbezügliche Entscheidungen kann man durchaus dem Schreiber überlassen, finde ich.

Aber zurück zur Reform;
ein häufig verwendeter Mustersatz ist:

"Sie empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen."

So wie er hier steht ist er gemäß Reform richtig und steht gemeinsam für folgende drei Möglichkeiten. Der Leser kann sich aussuchen, was gemeint ist.

Sie empfahl, dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Sie empfahl dem Lehrer, nicht zu widersprechen.
Sie empfahl dem Lehrer nicht, zu widersprechen.

Allein dieses Beispiel zeigt, daß ein wesentliches Ziel von reformiert geschriebenem Text nicht sicher erreicht wird, nämlich dem Leser eine zweifelsfreie Nachricht zu übermitteln.

Fazit: Obwohl es sicher einfacher ist, Beistriche wegzulassen, als diese sinnwahrend richtig zu setzen: hier wird eindeutig des Guten zuviel getan. Das Verständnis beim Leser ist das Maß, nicht eine scheinbare Erleichterung beim Schreiben!

Bei der Beurteilung von Beistrichfragen tu ich mir etwas schwer. Ich bin ein Freund der Sinnrichtigkeit, wie ich schon mehrfach zu erkennen gab. Für mich sind also fehlende Beistriche, die aber keinen Zweifel am Sinn aufkommen lassen, eigentlich keine echten Fehler.

Andererseits ist eine Regel, die lautet, einen erweiterten Infinitiv allgemein mit Beistrich abzutrennen, einfacher, als zusätzlich zu sagen, aber nur dann, wenn er mit "um", "ohne", "statt", "außer" oder "als" eingeleitet wird oder von einem Nomen abhängt oder durch ein Verweiswort angekündigt wird, wie es die Revision 2006 vorsieht. Mein Vorschlag wäre die Basisregel mit dem Zusatz, Beistriche weglassen zu können, durch deren Fehlen keine Mißverständnisse möglich sind. Aber hier soll sich jeder seine eigene Meinung bilden.


zu 6.
Punktuelle und willkürliche Änderungen unter dem Titel "Stammprinzip"

Jetzt kommen wir endlich zu jenen Fällen, die von einfältigen Journalisten seit jeher in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt wurden.

Stichworte: Gämse statt Gemse, Stängel statt Stengel, gräulich statt greulich, "behände" statt "behende",
"platzieren" statt "plazieren", usw.

Natürlich kann man sich fragen, woher Wörter ursprünglich kommen. Man kann auch, sollte es dabei häufig zu Schreibfehlern kommen, Änderungen vorschlagen.

Ich kann mich nur nicht erinnern, daß es in diesem Zusammenhang jemals spezifische Probleme gab. Es wurde also eine x-beliebige Anzahl von Wörtern hergenommen und "beschlossen", daß diese ab nun anders zu schreiben sind.

Daß eventuell eine, in der Schreibentwicklung enthaltene, verborgene Intelligenz zu diesen Schreibungen geführt haben könnte, auf diese Idee kamen die Reformer wohl nicht (wer denkt denn bei greulich schon an grau, bei behende schon an Hand?).

Abgesehen davon, daß die Auswahl der geänderten Wörter mehr als willkürlich ist, es wurden dabei auch noch eine Menge Fehler begangen.

"Tollpatsch" kommt nämlich nicht von toll und "einbläuen" auch nicht von blau, das nur nebenbei.

Fazit: Unter der Überschrift "Beseitigung von Ausnahmen" wurden Probleme gelöst, die vorher niemand hatte. Und einfacher ist die neue Version sicher auch nicht, man kann sich nämlich nicht auf sie verlassen (Ältern, käntern, ... wird nicht geschrieben). Eher entstehen groteske Mißverständnisse der Art: das Essen war gräulich.

In diesem Bereich hat sich keine Änderung ergeben, die Situation bleibt wider den langjährig aus sich selbst herausgebildeten Sprach- bzw. Schriftgebrauch.

zu 7.
Ein Sammelsurium von Einzeländerungen, welches völlig unsystematisch Probleme löst, die nie zuvor bestanden.


In vielen Bereichen wurden Adaptierungen vorgenommen, die insofern ärgerlich sind, als sie dem Neueinsteiger sicher keine Erleichterung bringen, dem Umlerner aber unnötige Hindernisse in den Weg stellen.

Aus "selbständig" wird "selbstständig", aus "Thunfisch" wird "Tunfisch", aus "Spaghetti" wird "Spagetti", aus "Erste Hilfe" wird "erste Hilfe", aus "2jährig" wird "2-jährig", aus "der 4jährige Bub" wird "der 4-Jährige Bub", aus "Schiffahrt" wird "Schifffahrt", aus "rauh" wird "rau", aus "Teei" wird "Teeei", man kann "Ruma-roma" abtrennen, "du" oder "Du", bzw. "sie " oder "Sie" in der direkten Anrede, usw.

Gäb's keine Vorgeschichte, könnte man über alles reden. Weil es aber eine Vorgeschichte gibt, und zwar eine, die in den Köpfen von etwa 100 Millionen Leuten existiert (neben den gedruckten Bibliothekinhalten), sind alle willkürlichen Änderungen ohne vorhergehenden Leidensdruck einfach ärgerlicher Unsinn!

Fazit: Eine Mischung aus Lächerlichkeiten, Unsinn und nicht Notwendigem.

Auch hier: In diesem Bereich hat sich keine wesentliche Änderung ergeben, die Situation bleibt wider den langjährig aus sich selbst herausgebildeten Sprach- bzw. Schriftgebrauch. Einzig die Ergänzung, in Zukunft keine Einzelbuchstaben mehr abzutrennen (A-bend), ist neu. Etwas lächerlich wirkt bei der heutigen Allgegenwart des Englischen auch die Vorgabe, auf Deutsch z. B. Ladys statt Ladies schreiben zu müssen.

Nach Einführung der Reform wurde der erhoffte Erfolg u. a. mit folgender Propaganda herbeigeredet: Aus ehemals 212 Dudenregeln wurden durch die Reform 112 und die Zahl der Beistrichregeln sank von 52 auf 9!

Politiker und die Journaille reproduzierten diese Botschaft damals zigfach, natürlich ohne das zugrundeliegende Regelwerk auch nur ein einziges Mal selbst in Augenschein genommen zu haben.

Prof. Werner Veith von der Universität Mainz unterzog diese Behauptung schließlich einer genauen Analyse und stellte fest, daß mit der Reduktion von 212 auf 112 einherging: "daß die 112 amtlichen Regeln der reformierten Rechtschreibung nur umsetzbar sind, wenn man 1106 Anwendungsbestimmungen berücksichtigt, in denen 105 Wortlisten (Ausnahmen von den Regeln) enthalten sind mit zusammen 1180 zu memorierenden oder nachzuschlagenden Wörtern. Allein im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung gibt es bei sieben Regeln 253 Anwendungsbestimmungen mit 45 Unterregeln, zwei Spezifikationen, 15 Kann-Bestimmungen, 123 Bedingungen, 33 Listen und 28 Verweisen."

So sah die neue Einfachheit also tatsächlich aus...

Gesamtfazit: Aus meiner Sicht kann weder von einer Vereinfachung, noch von positiven Auswirkungen auf Schreib- oder Lesbarkeit gesprochen werden. Ich bekomme ganz stark den Eindruck von Inkompetenz und irrational abgehobener Praxisfremdheit. Ja, ganz genau! Irrational abgehobene Praxisfremdheit!

Beurteilung der Revision 2006:
Die Revision 2006 ermöglicht in vielen Fällen die Wiedereinführung von Schreibungen, die sich in jahrhundertelanger Schriftentwicklung als optimal entwickelt hatten. Das ist positiv.
Andererseits hat man den Eindruck, in vielen Fällen wurde eine Beliebigkeit der Schreibung eröffnet, völlig losgelöst von der Sinnrichtigkeit, und damit ist auch eine Einheitlichkeit in weite Ferne gerückt - ich verstehe hier unter Einheitlichkeit, daß gleiche Schreibungen gleiche Bedeutungen haben.
Ich kann mir auch nicht recht vorstellen, daß es bald jemanden geben wird, der diese Schreibvorgaben ohne Wörterbuchhilfe oder ähnliches anwenden kann. Die tatsächlichen Auswirkungen werden vermutlich erst in einigen Jahren analysierbar sein.

Natürlich kann es sein, daß ich "betriebsblind" bin und etwaige Vorteile glatt übersehen habe. Sollte also ein werter Leser dieser Ansicht sein, bitte ich um kurze Mailnachricht!

 

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Reizthema Rechtschreibreform, 07/2006

Letztes Update: Juli 2006 - senden Sie mir eine email
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