Die Rechtschreibreform

Die Rechtschreibreform -
gab es wirklich mehr Gründe, die dafür sprachen,
als solche dagegen?

Das ist der zweite Teil der Analyse, welche Gründe
für oder gegen eine Einführung einer Rechtschreibreform sprechen bzw. sprachen. Zum ersten Teil geht es hier.

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Aber - jetzt kommt's erst:

Ein wichtiger Bereich wurde überhaupt noch nicht angesprochen. Ich kann mich nämlich wirklich nicht erinnern, früher jemals etwas von Problemen mit der Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS) gehört zu haben, außer vielleicht bei dem genannten ‚Auto fahren'.

Und auch dieses Autofahrproblem existierte eigentlich nicht wirklich, wie Duden 1991 belegt. Trotzdem wurden daraus Gründe konstruiert, die angeblich eine Reform unvermeidlich machten.

Genau hier fanden die Reformer nämlich jene Spielwiese vor, auf der sie ungehindert herumtollen wollten.

Wie bisher von der weitaus überwiegenden Mehrheit aller Schreiber sinngeleitet geschrieben wurde, interessierte dabei niemanden der Herrschaften auch nur die Bohne.

Es wurde entgegen jahrzehntelanger organischer Entwicklung von Wortbedeutungen die Parole erfunden: Getrenntschreibung ist die Regel, Zusammenschreibung die Ausnahme!

Etwa: Getrennt schreibt man in Fällen, in denen der erste Bestandteil auf -ig, -isch, -lich endet, zum Beispiel: lästig fallen, übrig bleiben; usw.

Die Erfindung dieser Regel wird sogar dem eingangs erwähnten Hrn. Schrodt zugeschrieben. Auf die Frage, warum das denn so sein sollte, antwortete er angeblich: "Ich weiß es auch nicht, aber irgend eine Regel ist besser als gar keine".

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Nun gut, ob diese Geschichte stimmt oder nicht sei dahingestellt, auf jeden Fall wirft sie ein eigentümliches Licht auf das, was letztlich dabei herauskam.

Es gab ab jetzt nur mehr ‚allein stehend', egal ob Singledasein oder einsam stehend gemeint war, es gab nun nur mehr ‚auseinander setzen', egal ob das Führen einer Auseinandersetzung gemeint war oder das Umsetzen auf einen anderen Sessel, aus ‚hierzulande' wurde ‚hier zu Lande', aus ‚eislaufen' wurde ‚Eis laufen', statt ‚sogenannt' wurde nun ‚so genannt' vorgeschrieben, usw.

Auch hier: Es handelt sich keineswegs um liberale Alternativschreibungen, sondern um Mußvorgaben!

Abgesehen davon, daß es hier sehr leicht zu ungewollt mißverständlichen Aussagen kommen kann, hatten und haben selbst viele Profischreiber ihre liebe Not mit diesen Regeln, verleiteten sie doch häufig zu schwachsinnigen Übergeneralisierungen:

‚Es fielen Aprikosen bis Tennisball große Hagelkörner ...' oder:

‚Zwischendrin steht er Denkmal artig vor der Kulisse der erleuchteten Reichtagskuppel.'
und

‚Warum wird Genforschung immer so schlecht gemacht?' bzw.:

‚[...] wird das recht mäßige Eigentum nicht angetastet.'

Das wahre Problem dabei ist jedoch, daß kein Mensch in der Lage ist, aufgrund des Sprachgefühls sagen zu können, was im Einzelfall regelkonform sein soll (ich sage bewußt nicht richtig).

Nun gut, alles was ich bisher über die GZS schrieb, bezieht sich auf die Ursprungsversion von 1996. Scheinbar erschraken relativ bald sogar die Reformerfinder über die Schreibauswirkungen, die sich laufend zeigten.

Den Erstversuch einer Korrektur etwa im Jahre 2000 verhinderte angeblich die hohe Politik, trotzdem folgten in den Jahren 2004 und zuletzt 2006 Adaptierungen, die sich hauptsächlich bemühten, dem Wortsinn wieder mehr auf die Sprünge zu helfen.

Weil man sich aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu durchringen konnte, die seinerzeitigen Muß-Getrenntschreibungen wieder ganz zu verbannen, sind sie nun als Schreibvarianten erlaubt. Duden 2006 zählt etwa 3000 solcher Alternativen auf.

Der Duden gibt sogar Empfehlungen dazu ab.

Wer allerdings gedacht hätte, es werden überwiegend die früheren ungetrennten Schreibweisen empfohlen, wo diese sinnrichtig sind, der irrt gewaltig!

In der Dudenredaktion sitzen offenbar Leute, die den Sinn der Rückbesinnung auf die, in weiten Bevölkerungsschichten nach wie vor üblichen, sinnrichtigen Schreibweisen nicht begriffen haben dürften.

Daher kann man grob sagen, daß Duden 2006 trotz der eingeführten Alternativen schwerpunktmäßig wieder die nach dem Zufallsprinzip vom Sinn abgekoppelten Schreibweisen von 1996 empfiehlt.

So weit, so gut. Wie es weitergeht, wird die Zukunft zeigen.
Aber kehren wir nun zur Ausgangsfrage zurück.

Der Reformer Richard Schrodt sagte:

"Wie man es auch dreht und wendet: Es mag wenig Gründe für diese Reform geben, aber es gibt zweifellos noch weniger Gründe gegen diese Reform. Daher muss man sie entschieden unterstützen, und man muss den Schreibenden dort, wo es mehrere begründete Entscheidungsmöglichkeiten gibt, auch entsprechende Freiräume gewähren."

In einem kann man immer noch ungeteilt zustimmen, es gab wirklich wenig Gründe, vor allem keine zwingenden, für eine Reform in der Ausprägung der umgesetzten.

Genaugenommen ist mir eigentlich kein einziger in Erinnerung geblieben, wo der tatsächlich eingeführte Reformanteil irgend eine Verbesserung der früheren Situation gebracht hätte. Also nur Änderung um des Änderns willen.

Der zweite Teil seiner Ansicht kann eigentlich nur Kopfschütteln hervorrufen. Wie gezeigt, gibt es eigentlich nur Gründe gegen diese Reform, nicht zuletzt deswegen ist sie ja auch bis heute vom Großteil des Volkes nicht angenommen worden, sie ist einfach zu chaotisch und löst etwaige schon vorher bestehende Probleme nicht.

Im Gegenteil, sie schafft zu allfällig weiterhin unverändert bestehenden alten Problemen noch eine ganze Reihe neuer, allerdings wesentlich komplexerer; ja, ja, so sieht die Wirklichkeit aus.

Mit der eigentümlichen Logik, daß man angeblich etwas automatisch unterstützen müsse, "wogegen es wenig Gründe gibt", mit der möchte ich mich hier nicht auseinandersetzen.

Und noch einmal zum folgenden Satz:
"Die alte Rechtschreibung hat, bis auf wenige Spezialisten, niemand perfekt beherrscht. Das vergißt leicht, wer auf die neuen Regeln schimpft."

Ich behaupte, daß heute fast niemand in der Lage ist, den Reformschrieb der neuesten Generation ohne Unterstützung eines Textverarbeitungsprogrammes, sozusagen aus dem Gefühl heraus, regelkonform zu Papier zu bringen.

Ironie am Rande: War früher nur "auseinander setzen" erlaubt, ist nach neuester Regelerfindung nur mehr "auseinandersetzen" zugelassen; kenne sich aus, wer will ...

Eines der ganz großen Rätsel unserer Zeit bleibt zuletzt die Frage, warum durch die Bank alle Verlage auf die Reform aufgrund der hohen Kosten schimpfen, welche die laufenden Umstellungen verursachen, aber offenbar keiner auf die Idee kommt, daß man ja bei der ganzen Sache gar nicht mitmachen müßte, wenn man nicht wollte (Schulbücher ausgenommen).

Als Privatperson lebt es sich jedenfalls ohne Reform ganz gut, indem man betroffen bis amüsiert dem unverständlichen Treiben, das sich hier laufend vor einem abspielt, aus einer Art Vogelperspektive zusieht.

Nach 1998, dem Ersteinführungsdatum der Reform, gab es bis 2004 heimliche Reparaturarbeit hinter den Kulissen, die sich in einigen mittlerweile längst obsoleten Wörterbuchgenerationen niederschlug. 2004 kam dann die erste offizielle Revision heraus, die wieder eine neue Generation von Wörterbüchern auf den Markt brachte. Die letzte Änderung wurde zuletzt 2006 wirksam und zwang erneut zum Wegwerfen der alten Wörterbücher. Es gibt mittlerweile also zusätzlich zur bewährten Schreibung bereits drei offizielle Versionen der Reform und einige inoffizielle...

Ich finde, die herkömmliche Schreibung ist genau so 'kompliziert', wie Schreibung eben immer 'kompliziert' ist. Das ist in jeder Sprache so. Nur, eine weniger 'komplizierte', die aber gleichzeitig das leistet, was die herkömmliche leistet, die wurde bis jetzt eben noch nicht erfunden.

Die Normalschreibung, wie ich sie nenne, ist in keiner Weise altmodisch, sie birgt die Möglichkeiten der differenzierten Ausdrucksweise und sieht auch vom Schriftbild harmonischer aus als Neuschrieb, was will man also noch mehr?

Jedenfalls nicht, sich laufend mit neuen und in sich unstimmigen Verbesserungsvorschlägen abquälen.

So einfach ist das in Wirklichkeit...


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PS:
Wer Interesse an Details der Rechtschreibung hat, besuche die Homepage des Rechtschreibrates und lade unter "Aktuelles" das amtliche Regelwerk 2006 herunter. Dann §34 oder §36 ansehen und - staunen ...


Klicken Sie hier, wenn Sie den ersten Teil der Geschichte lesen wollen.

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Günde für die Rechtschreibreform, 07/2006

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Letztes Update: Juli 2006 - senden Sie mir eine email
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